Seefelder Tourismusgespräche 2019

Newsletterdesign im Wandel der Zeit – worauf Sie heute achten sollten
17. Dezember 2018

“Schneller, weiter, höher. Oder ist weniger mehr?”

Das war das eingängige Motto der Tourismusgespräche 2019 in Seefeld. Dazu hat die Raiffeisenbank heuer wieder hochkarätige Redner unterschiedlicher Disziplinen eingeladen. Das Spektrum der Vorträge war vielschichtig und mutig gewählt.

Schlagabtausch Bätzing vs. Parth

Besonders gut gefallen hat mir heuer die sehr konträre Darstellung des Wachstums des Tourismus im Alpenraum. Auf der einen Seite Prof. Dr. Bätzing mit seiner nüchternen, sachlichen und auf reine Fakten basierten Art. Auf der anderen Seite ein emotionaler, engagierter und um Schadensbegrenzung bemühter Hannes Parth.

Bilder der Verwüstung der sensiblen Berglandschaft hier. Bilder glücklicher, wohlhabender Alpenbewohner da. Sehr amüsant war auch der Umstand, dass beide Vortragenden ein Bild der Idalpe in Ischgl zeigten. Prof. Bätzing zeigte sie im Zustand der Umbauarbeiten. Hannes Parth zeigte sie im begrünten Zustand mit idyllischem Speichersee im Hintergrund.

Die beiden Vorträge zeigten ganz plakativ das Dilemma, in dem wir im Alpenraum stecken. Die Balance zu finden zwischen den Interessen der Wirtschaft, der Bevölkerung und der Natur.
In den letzten Jahrzehnten gab es im Alpenraum ein explosives Wachstum von Projekten. Dabei wurden aus Bergdörfern urban anmutende Kleinstädte, die über jegliche Infrastruktur verfügen, die man sich wünschen kann. Auf der anderen Seite wurde dabei der verfügbare Raum in einer Art und Weise zubetoniert, den man nur als alarmierend bezeichnen kann (Beispiel Zermatt).

Die gezeigten Auswirkungen der Verwandlung der Berge in Erlebniswelten waren dabei erschreckend. Aussichtsplattformen, Hängebrücken, Downhillstrecken, drainagierte Pisten, Spielparks und dergleichen mehr pflastern mittlerweile unsere Bergwelt zu. Die Angebote werden zusehends austauschbar. Laut Prof. Bätzing setzt man zu sehr auf die neoliberale Agenda des unbegrenzten Wachstums. Man muss immer größer werden, um sich der Konkurrenz zu erwehren. Prof. Bätzing sagt auch voraus, dass sich die Skigebiete immer weiter konzentrieren werden. Bis letztendlich im Großraum Tirol vier bis fünf große Skiregionen übrig bleiben, die überregionale Bedeutung haben werden. Der Rest wird vom Markt verdrängt… mit allen seinen Folgen. Dies führte er den Zuhörern eindrücklich mit der Entwicklung der fanzösischen Skigebiete vor Augen. Hier entsteht gerade ein gigantischer Zusammenschluss von mehreren Skigebieten, der letztendlich über 800 Pistenkilometer verfügen wird. Letztlich kam noch ein Appell von Prof. Bätzing, in dem er sich dafür stark machte, dass der Tourismus mehr auf Kultur, Kulinarik und Natur setzen sollte. Denn dies, so Bätzing, ist es, was die Alpen unverwechselbar macht.

Hannes Parth überraschte dann mit der Präsentation des Vereins Vitalpin. Dieser beschäftigt sich seit 2018 mit der oben angesprochenen Balance. Wie Herr Parth im Vortrag auch einräumte, hat man das Thema zu lange liegen gelassen. Nun verspricht man Fakten zusammeln, Gespräche zu suchen und aufzuklären. Unterlegt wird das Ganze mit einer Wohlfühl-Imagekampagne, wie man sie sonst nur von Wellnesshotels kennt. Gestartet hat man damit, dass der Verein 2000 Liftkarten an heimische Nichttouristiker verlost. So versucht man die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen. Die Aktion läuft noch bis 31.10. unter danke-vitalpin.org.

Dass die Fronten bezüglich der Balance mittlerweile verhärtet sind, sah man auch am Wording, das Herr Parth in seinem Vortrag verwendete. Auf der einen Seite die “Erschließungswütigen Touristiker”. Auf der anderen Seite die “Populistischen Umweltschützer”. (Siehe Bilder vom Vortrag.) “Es gibt keine Alternative zum Tourismus.” stand dann auf einer Seite seines Vortrags. Auf der nächsten Seite des Vortrags war dann zu lesen “1919: Schwabenkinder und unmenschliche Arbeit” gegenüber “2019: Begehrter Lebens- und Erholungsraum”. (Siehe Bilder vom Vortrag).

Ja es gibt sie “Die Herausforderungen , die erfolgreicher Tourismus mit sich bringt.” So Parth. Ein Euphemismus für Staus, überfüllte Pisten und überlaufene Sehenswürdigkeiten/Innenstädte. Laut seiner Argumentation kein Problem der Menge der Touristen, sondern lediglich ein Problem des falschen Zeitmanagements. Wenn man die Touristen zeitlich besser lenken würde, dann wäre das mit den Massen kein Problem mehr. Die Infrastruktur dafür besteht ja bereits.

Bezüglich des Ausbaus der Infrastruktur gab der Präsident des Österreichischen Alpenvereins, Dr. Ermacora, ein interessantes Statement. Er sagte, dass 97% der touristischen Projekte (Zusammenschlüsse, Ausbauten von Skigebieten) genehmigt werden. Nur drei Prozent der Projekte werden abgewiesen. Und genau diese drei Prozent landen, begleitet von großem Wehklagen, in den Medien.

Flüssige Welten, flüssiges Reisen

In eine ganz andere Richtung führte uns dann Mag. Andreas Reiter, Geschäftsführer des ZTB Zukunftsbüros.
Er berichtete vom Wandel unserer Lebenswelt hin zu einer Erlebenswelt. Von der Verschmelzung von Arbeitsplatz und Erholungsort. Er sprach von der Zukunft des liquid tourism.

Als Beispiel brachte er Hotels, die gleichzeitig Büros sind. Am Vormittag arbeiten, am Nachmittag am benachbarten Strand surfen. Touristen, die sich im Grätzel in Wien kurzzeitig in eine Wohnung einmieten und sich dort wie Einheimische fühlen können – mit Blick auf eben dieses Leben im Grätzel. Oder ein Gebäude in den Niederlanden, das in sich Markthalle, Büros und Wohnungen vereint.

Grenzen verschwimmen. Die Zukunft wird laut Mag. Reiter zum Zusammenwachsen von bisher getrennten Strukturen führen.

Ein spannendes Thema, das in der Entwicklung touristischer Angebote sicher bald auch bei uns seinen Niederschlag finden wird.

Vom Produkt Business zum People Business

Man merkt Christoph Engl an, dass er schon viel erlebt hat. Positives wie Negatives. Mit knallharter analytischer Schärfe präsentierte er uns seine Erfahrungen aus der Modebranche und machte auch kein Hehl aus den Fehlern der Vergangenheit beim Südtirol Marketing. Er zeigte uns einen kleinen Blick auf die Verantwortung und die wirtschaftlichen Zusammenhänge mit denen er sich täglich konfrontiert sieht.

Seine Message an uns Zuhörer war: “Menschen kaufen keine Produkte. Menschen kaufen Sehnsüchte.”

Das klang sehr abstrakt, wurde aber von Herrn Engl detailliert mit Beispielen untermauert. In einer Zeitleiste führte er den Zuhörern vor Augen wie sich das Kaufverhalten seit den 80er Jahren entwickelt hat. Was zu Beginn ein Platzieren von Produkten am Markt war hat sich im Laufe der Jahre zu einem Kampf um die Wahrnehmung entwickelt. Was nimmt der Konsument überhaupt noch wahr von den tausenden Werbebotschaften, die er täglich präsentiert bekommt? Wie kann ich dem Kunden den emotionalen Wert meines Produkts vermitteln?

Bei jedem neuen Produkt stellt er sich zwei Fragen:

1. Welches Kundenproblem lösen wir?
2. Welche Möglichkeit bieten wir Menschen, ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen?

Ins touristische Marketing übersetzt bedeutet das, dass wir unsere Produkte emotional aufladen müssen. Es geht um Identifiktation, um Wert, um die richtige Wahrnehmung.
Wir sollten uns die Frage stellen was wir dem Gast bieten können, das er nicht zuhause schöner, besser vorfindet. Essen und Bett sind wohl nicht ausreichend und einen schönen Wellnessbereich gibt es schon tausendfach im gesamten Alpenraum.

In was muss ich mein Produkt verwandeln, damit ich den Gast anziehe, der zu mir passt? Und die allererste Frage muss eigentlich lauten: Was will ich und womit identifiziere ich mich als Unternehmer?

Michael Egger
Michael Egger
... leitet seit 2004 die Werbeagentur für Hotels in Tirol. Er ist Spezialist für Auslastungssteigerung in Hotels und engagiert sich in vielen Bereich des Tourismus im Alpenraum.

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